Ist Wissen aufnehmen von den großen Vorbildern
etwas anderes, als ein Gespräch
mit ihnen zu führen, das zur Zufriedenheit
beider Seiten führt?

   
Aus: Letzte Botschaften an die Sinne
Autor: Gregori Latsch
Genre: Aphoristische und satirische Texte



Leser's Wiederholungswunsch
 

Diese rätselhafte Exzentrik unseres Lebens,
stur in sich verharrend, die Endlichkeit des Sehens
mißachtend, mit großen Worten alles
gewaltig übertönend, maßlos sein im Anspruch
auf Lebendigkeit – und dann
fasziniert sein von der Kunst, vom klaren Blick
auf die eigenen Gedanken, wissen,
daß kein anderes Wesen absonderlicher
reagieren kann. – Und zu sich finden,
eins sein mit sich - ein Privileg des Lebens?
Was versteht schon die Ewigkeit davon!


Sich an das Recht zu gewöhnen,
fällt uns nicht schwer,
sind wir doch im Rechtsstaat großgeworden. –
Wie ist das mit dem schrecklich sich
ausweitenden Abstand zwischen Arm und Reich –
behält die Gewöhnung daran die Nerven?
Und überhaupt, auf welcher Rechtsbasis
gestaltet sich eine solche Entwicklung –
ist sie eine Sache des Gewohnheitsrechts?



Aus den unteren Schichten erreicht uns die
Botschaft, daß, nach einer Phase des
Beschnupperns, jeder Mitmensch aus einer
anderen, höheren Schicht, als Gleicher
anerkannt wird, solange er den Gemeinschaftsgeist,
die Empathie, den Zusammenhalt und die
Hilfsbereitschaft der unteren Schichten akzeptiert. –
P.S.: Die Botschaft wurde unkommentiert von
führenden Persönlichkeiten der Oberschicht zurückgewiesen.
 
Aus: Letzte Botschaften an die Sinne



Leser's Wiederholungswunsch, der aus dem Team kam.
 
Dem Vergnügen, sich am Schreiben schöner
(und pointierter) Gedanken zu erfreuen,
stellt Herr P. aus R. in unfairer Weise, und
völlig eigennützig, seine Armada aus
Mittelstreckenraketen entgegen,
ohne ein einziges Mal nach dem Sinn des
Schreibens schöner (und pointierter) Gedanken
gefragt zu haben. Wozu dann die Raketen?!


Geben wir den wahren Erzählern das Wort zurück,
das immer mehr Unberufene als Leitsymbol
eines Verständnisses für Literatur ansehen, der
sie als Unberufene in ihrer Tiefenwirkung
nicht gewachsen sind.


Wer in den Tagen einer unaufhaltsamen
digitalen Machtentwicklung glaubt, er könne
die Bürger mit nationalen Floskeln
auf seinem undefinierbaren Weg erneut
in eine politische Katastrophe führen, vergißt
bei seiner absurden Hetzjagd der Gefühle,
daß die aufgeklärten Bürger unserer Zeit
schon lange einen individuellen Status pflegen,
den keine Ideologie dieser Welt brechen kann.


Welch ein zauberhafter Gegensatz von Mann & Frau –
im Zustand der ersten Begegnung.
Und wie leicht der Zauber uns verlassen kann,
wenn wir, von allzu großer Ähnlichkeit ernüchtert,
uns nach der Rückkehr des ersten Zustandes sehnen.

Aus: Späte Visionen (Aphorismen)


Leser's Wiederholungswunsch
 
Als wir vom vierbeinigen zum aufrechten Gang
übergingen, hätten wir ahnen müssen,
daß jetzt eine neue Art der Persönlichkeitsentfaltung
anbrechen würde – mit allen schönen Eigenschaften
der menschlichen Rasse.



Neuer kategorischer Imperativ:
Niemals den Sinn eines Lebenstages
infrage stellen.
Nichts rechtfertigt den Verstoß gegen ein Lebensprinzip,
dem wir nur einmal angehören.
Es sei denn, die Überlebensperspektive
läßt uns keine andere Wahl.



Eine bemerkenswerte Perspektive, die uns
Sallust überliefert: Früher fand der einzelne
Bürger Schutz in der Mehrheit.
Wissen unsere Parteiführer eigentlich, was
sie angerichtet haben? Oder hat unsere Demokratie
die Zeit verschlafen?
 
Aus: Nicht über den eigenen Schatten springen
 

Manche Umstände bleiben unveränderlich
 
Unvorstellbar tapfer strebt die türkische Seele,
bei allen Widerständen des Glaubens,
nach dem Sinn der Demokratie.

Rhetorische Rohlinge haben keine Ahnung,
wie schwer es ist, in Zeiten der Vernunft
mit diplomatischer Gelassenheit eine falsche Meinung
als wahr zu interpretieren.

 

Aus: Späte Visionen (2019/20) - Autor: Gregori Latsch

Leser's Wiederholungswunsch

Liao Yiwu erzählt von seiner Gefängniszeit in China:
Fesseln, Schläge, Elektroschocks, Hitze, Kälte.
Und ich dachte, Laotse wäre bis Peking gekommen.

 

Aus: Freundliche Attacken
 
Wir dürfen nicht vergessen,
daß auch Kinder Träume haben,
die eine stille Lebenshoffnung sind.
 
Aus: Späte Visionen (2019/20)
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