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Eine seltsame Art von Voreingenommenheit:
Wir errichten Grenzen auf unserem Planeten,
die wir als sterbliche Wesen nicht überleben.

 
Späte Visionen
(Arbeitstitel)
Autor: Gregori Latsch 
 
Leser's Wiederholungswunsch
 
 
Das Dritte Reich.
Sich vorzustellen, daß alles im Geschick eines Irren lag,
der mit der hysterischen Modulation seiner Sprache,
sich und anderen zu gefallen,
dem bescheidenen Selbstwert seiner Person
damit einen ungeheuren Auftrieb verlieh,
so daß die Führer-Qualität
eigentlich nur eine Täuschung durch Gesten war,
unglaublich naiv in der Wirkung;
doch damals, ja, damals, in einer Zeit,
die auf der Suche nach sich selbst war,
und sich nicht fand, da war alles anders.
Und so geschah es auch:
Anders als erwartet veränderten sich die Lebensumstände
der Menschen unter unfaßbar zerstörerischen
Einwirkungen – und endeten in einem furiosen Untergang.
Alles eine Frage der Banalität.
Mit Vernunft hat das nichts zu tun.
 
 
O Zeiten, o Sitten!
Nehmen sie doch den Frauen die Chance,
auf beiden Bahnen, der Vernunft und der Gefühle,
eine Frau zu sein – und bleiben zu dürfen.
 
 
Keine leichte Sache, sich einzugestehen,
daß die Erde auch ohne uns Menschen ganz gut
zurechtkommen würde – und wir nicht einen Tag ohne sie.
 
 
Alle Welt schwärmt von der Poesie der
Liebe, des Lebens, der Musik... Herrlich,
diese Begeisterung! – Wie ernüchternd uns dann
zeitgenössische Poeten begegnen, wenn ihr
SprachRhythmus sich knorrig verhält, die Wortwahl
eiskalt berührt, und ihre Themen sich mit
allerlei Kleintieren beschäftigen, als hätte
es nie eine Evolution gegeben –
aus der Tiefe der poetischen Intuition.
 
 
Gewappnet mit dem „schlanken Schwert“ der Nächstenliebe
zogen wir in die Schlacht der Religionen.
Es war ein schreckliches Erlebnis!
Nur mit Mühe gelang es uns, dem
verbalen Massaker zu entkommen.
Zählt unsere „Waffe“ vielleicht doch zum alten Eisen?!
 
 
Wozu das alles...
Eine Rolle spielen, deren Gestaltung im
Ermessen des Zufalls liegt –
und fast immer von den Interessen der anderen,
sogar unserer Liebsten, beeinflußt wird.
Oder sollten wir uns der eigenen Entwicklung verweigern?
Doch wer kann das schon!
 
 
 
„Wettbewerb (in der Medienwelt) ist das beste
Gegengift gegen Manipulation, Desinformation
und Propaganda“, sagt Mathias Döpfner.
Und nicht zu vergessen ist, daß der Einzelne
sein wahres Lebensglück im Austausch mit seinem
Nächsten erfährt – und der Wettbewerb
untereinander sich in der Liebe zueinander erschöpft.
Doch was geschieht, wenn die digitale Welt
unsere Emotionen nicht mehr akzeptiert?
 
 
 
Die im gegenseitigen Respekt zueinander liegende
Ungleichheit der sozialen Verhältnisse
basiert eigentlich auf einem latenten Glücksversprechen,
das in allen Gesellschaftsschichten sein Unwesen treibt.

 
Genießen wir den Anblick einer schönen Straße,
gesäumt von monströsen Häusern unseres kulturellen
Erbes, mit grenzenlosen Mitteln restauriert –
und durchlaufen wir mit raschen Schritten
heruntergekommene Wohnungsviertel, vor denen die Abrißbirne
darauf wartet, alles kurz und klein zu schlagen,
um neuen, wunderschönen und unbezahlbaren (?)
Wohnungen Platz zu machen –
im sozialen Kontext mit der Zeit erbaut.
Wo liegt das Problem?
 

 
Was wir erdacht, empfunden, aufgenommen haben
in unserer Lebenszeit, das auszudrücken,
in ein Bild zu kleiden,
ohne daß der innere Blick, der uns sehend
macht, das Sehen überlagert –
ist das der Stil des Schreibens,
die vertraute Art bewußter Anteilnahme
innerhalb des Unbewußten,
auch... etwas Autonomes, von ihrer
Innerlichkeit befreit?,
wie Giorgio Colli sagt.
Und wohin führt der Blick?
 

 
Sollte die Autorität eines Staates vom Vertrauen
seiner Menschen in die Integrität des
gemeinschaftlichen Zusammenlebens
abhängig sein, empfehle ich,
den Vermögensabstand zueinander
neu zu überdenken.
 

 
„Ist doch überhaupt der Dichter
der allgemeine Mensch.
Er ist der Spiegel der Menschheit und bringt ihr,
was sie fühlt und treibt, zum Bewußtsein.“
Ich liebe Schopenhauer!
Nach diesen Worten werde ich
lange die Beine ausstrecken und an
nichts anderes denken…
als an die Freiheit der Phantasie.
 

 
Sind wir wirklich die Herren der Erde?
Was hält uns davon ab, die grausamen Stürme
im Keime zu ersticken, Erdbeben ruhigzustellen,
mit einem Machtwort die Armut zu beseitigen,
und die Entstehung von Kriegen zu verbieten?
Oder befinden wir uns nicht doch noch auf dem
Niveau lernbegieriger Primaten?
 

 
Es gab einen Planeten in unserem Sonnensystem,
auf dem die Roboterwesen nach
der Ursache ihres gefühllosen Lebens fragten,
und als sie den Grund kannten, nach
einer humaneren Bestimmung suchten.
 

Journalisten begrüßen den Informationsfluß der Zeit,
Politiker lassen sich gern darin treiben,
Karrieristen suchen verbissen nach einer
Strömung – einzig die Erfolgreichen aller
Couleurs beschäftigen sich nur mit
sich selbst, unablässig, gewinnbringend,
und ohne Rücksicht auf andere Interessen.



Aphorismen aus den 1970er Jahren
Titel: Die Schöpfung war ein Irrtum
Autor: Gregori Latsch


Worum die Gefühle bangen, ist ein Leben
ohne seelischen Inhalt.

*

Der Hofnarr Seiner Majestät beklagte sich bitter
über die Narreteien des Königlichen Stabes.

*

In der Psychologie ist die Wahrheit auswechselbar,
solange das Bewußtsein träumt.

*

Manche Politiker erwecken den Anschein,
als stünden hinter ihnen ganze Armeen -
von Besitzenden.

*

Im Konservativismus liegt etwas Bewahrendes,
das bewahrt werden sollte - nicht mehr!



Aus: Nicht über den eigenen Schatten springen
 


Manche Umstände bleiben unveränderlich
 
Unvorstellbar tapfer strebt die türkische Seele,
bei allen Widerständen des Glaubens,
nach dem Sinn der Demokratie.

Rhetorische Rohlinge haben keine Ahnung,
wie schwer es ist, in Zeiten der Vernunft
mit diplomatischer Gelassenheit eine falsche Meinung
als wahr zu interpretieren.

 

Aus: Späte Visionen (2019/20) - Autor: Gregori Latsch

Leser's Wiederholungswunsch

Liao Yiwu erzählt von seiner Gefängniszeit in China:
Fesseln, Schläge, Elektroschocks, Hitze, Kälte.
Und ich dachte, Laotse wäre bis Peking gekommen.

 

Aus: Freundliche Attacken
 
Wir dürfen nicht vergessen,
daß auch Kinder Träume haben,
die eine stille Lebenshoffnung sind.
Aus: Späte Visionen (2019/20)
 
Vorsicht, intellektuelle Handgranaten!

*
Aphorismen sind wie kunstvoll geschliffene Edelsteine -
doch im Unterschied zu ihnen alles andere als glatt.

*
Aphoristiker sind Fakire der Sinnverdichtung.

*
Sie drängen uns Fragen auf,
die sie nicht beantworten, und provozieren uns,
ihre Weite und Tiefe selbst auszuloten.

*
Aphorismen brennen sich in unser Gedächtnis ein,
ohne unsere Sinne in Brand zu stecken.

*
Sie sind „eine kleine Unsterblichkeit“, sagte Nietzsche.
Sie fordern unsere uneingeschränkte Neugier heraus.

Otfried Höffe Oktober 2020
 
Vom Autor Otfried Höffe ist auch der Band:
"Der Mensch ist so notwendig verrückt..."
Skizze einer alternativen Philosophiegeschichte
bei Cimarron erschienen: http://www.cimarron-art.de/libris - Hoeffe.html
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