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Das Spiegelbild sagt uns:
Sind wir das Original, das gelernt hat,
zu sagen, was zu sagen ist –
oder sprechen wir für jemanden, der uns verbirgt,
daß wir ein anderer sind?
 
 
Späte Visionen
(Arbeitstitel)
Autor: Gregori Latsch 
 
Leser's Wiederholungswunsch
 
Die im gegenseitigen Respekt zueinander liegende
Ungleichheit der sozialen Verhältnisse
basiert eigentlich auf einem latenten Glücksversprechen,
das in allen Gesellschaftsschichten sein Unwesen treibt.

 
Genießen wir den Anblick einer schönen Straße,
gesäumt von monströsen Häusern unseres kulturellen
Erbes, mit grenzenlosen Mitteln restauriert –
und durchlaufen wir mit raschen Schritten
heruntergekommene Wohnungsviertel, vor denen die Abrißbirne
darauf wartet, alles kurz und klein zu schlagen,
um neuen, wunderschönen und unbezahlbaren (?)
Wohnungen Platz zu machen –
im sozialen Kontext mit der Zeit erbaut.
Wo liegt das Problem?
 

 
Was wir erdacht, empfunden, aufgenommen haben
in unserer Lebenszeit, das auszudrücken,
in ein Bild zu kleiden,
ohne daß der innere Blick, der uns sehend
macht, das Sehen überlagert –
ist das der Stil des Schreibens,
die vertraute Art bewußter Anteilnahme
innerhalb des Unbewußten,
auch... etwas Autonomes, von ihrer
Innerlichkeit befreit?,
wie Giorgio Colli sagt.
Und wohin führt der Blick?
 

 
Sollte die Autorität eines Staates vom Vertrauen
seiner Menschen in die Integrität des
gemeinschaftlichen Zusammenlebens
abhängig sein, empfehle ich,
den Vermögensabstand zueinander
neu zu überdenken.
 

 
„Ist doch überhaupt der Dichter
der allgemeine Mensch.
Er ist der Spiegel der Menschheit und bringt ihr,
was sie fühlt und treibt, zum Bewußtsein.“
Ich liebe Schopenhauer!
Nach diesen Worten werde ich
lange die Beine ausstrecken und an
nichts anderes denken…
als an die Freiheit der Phantasie.
 

 
Sind wir wirklich die Herren der Erde?
Was hält uns davon ab, die grausamen Stürme
im Keime zu ersticken, Erdbeben ruhigzustellen,
mit einem Machtwort die Armut zu beseitigen,
und die Entstehung von Kriegen zu verbieten?
Oder befinden wir uns nicht doch noch auf dem
Niveau lernbegieriger Primaten?
 

 
Es gab einen Planeten in unserem Sonnensystem,
auf dem die Roboterwesen nach
der Ursache ihres gefühllosen Lebens fragten,
und als sie den Grund kannten, nach
einer humaneren Bestimmung suchten.

Journalisten begrüßen den Informationsfluß der Zeit,
Politiker lassen sich gern darin treiben,
Karrieristen suchen verbissen nach einer
Strömung – einzig die Erfolgreichen aller
Couleurs beschäftigen sich nur mit
sich selbst, unablässig, gewinnbringend,
und ohne Rücksicht auf andere Interessen.



Woran dachte Heraklit, als er bemerkte,
es sei allen Menschen gegeben,
sich selbst zu erkennen und vernünftig zu sein?

 

 
Diese Mischung aus Überheblichkeit, Starrsinn,
Intoleranz und berechenbarer Nächstenliebe,
dazu ein Spritzer Profitgier, alles Zutaten
für ein menschliches Verhalten, das sich an
der Wirklichkeit des subjektiven Vorteils orientiert -
oder ist es irrational,
sich mit guten Gedanken zu befassen?
 
 

Quintilian sagt, daß bei allen (Schreibern) etwas Brauchbares zu finden sei – doch geht er von den besten aus. Und wen er alles beim Namen nennt! Und wie er ihr Schreiben beim Namen nennt: Erstaunlich, tragisch, ausdrucksstark, angemessen,  vorwärtstreibend, glaubwürdig, philosophisch, zuwenig straff, unbedeutend, vollkommen belanglos, voller Reize, sittlich gut, scharfsinnig, anmutig, poetisch... Mit wenigen Pinselstrichen des Geistes erhalten wir ein Bild vom äußeren Glanz des poetischen Werkes. Genügt das? –
Warum greift niemand, auf unsere heutige Zeit übertragen, 2000 Jahre nach Quintilian, die Gliederung der Gedanken einer Geschichte auf? Warum läßt man den immanenten Sinn im Ablauf eines poetischen Textes unberücksichtigt und fragt nicht nach der Würde des Ausdrucks, meinetwegen auch nach der humanen Form, die das Bild des Ganzen beeinflussen kann? Und, was am wichtigsten erscheint: Wer sagt uns das, was wir (noch) nicht wissen können? Und warum ist es seine Sache, etwas zu sagen, was eigentlich nur ihn angeht? Ist nicht jedes gefundene Wort ein Prüfstein unserer Gedanken?




Aphorismen aus den 1970er Jahren
Titel: Die Schöpfung war ein Irrtum
Autor: Gregori Latsch


Worum die Gefühle bangen, ist ein Leben
ohne seelischen Inhalt.

*

Der Hofnarr Seiner Majestät beklagte sich bitter
über die Narreteien des Königlichen Stabes.

*

In der Psychologie ist die Wahrheit auswechselbar,
solange das Bewußtsein träumt.

*

Manche Politiker erwecken den Anschein,
als stünden hinter ihnen ganze Armeen -
von Besitzenden.

*

Im Konservativismus liegt etwas Bewahrendes,
das bewahrt werden sollte - nicht mehr!



Aus: Nicht über den eigenen Schatten springen
 


Manche Umstände bleiben unveränderlich
 
Unvorstellbar tapfer strebt die türkische Seele,
bei allen Widerständen des Glaubens,
nach dem Sinn der Demokratie.

Rhetorische Rohlinge haben keine Ahnung,
wie schwer es ist, in Zeiten der Vernunft
mit diplomatischer Gelassenheit eine falsche Meinung
als wahr zu interpretieren.

 

Aus: Späte Visionen (2019/20) - Autor: Gregori Latsch

Leser's Wiederholungswunsch

Liao Yiwu erzählt von seiner Gefängniszeit in China:
Fesseln, Schläge, Elektroschocks, Hitze, Kälte.
Und ich dachte, Laotse wäre bis Peking gekommen.

 

Aus: Freundliche Attacken
 
Wir dürfen nicht vergessen,
daß auch Kinder Träume haben,
die eine stille Lebenshoffnung sind.
Aus: Späte Visionen (2019/20)
 
Vorsicht, intellektuelle Handgranaten!

*
Aphorismen sind wie kunstvoll geschliffene Edelsteine -
doch im Unterschied zu ihnen alles andere als glatt.

*
Aphoristiker sind Fakire der Sinnverdichtung.

*
Sie drängen uns Fragen auf,
die sie nicht beantworten, und provozieren uns,
ihre Weite und Tiefe selbst auszuloten.

*
Aphorismen brennen sich in unser Gedächtnis ein,
ohne unsere Sinne in Brand zu stecken.

*
Sie sind „eine kleine Unsterblichkeit“, sagte Nietzsche.
Sie fordern unsere uneingeschränkte Neugier heraus.

Otfried Höffe Oktober 2020
 
Vom Autor Otfried Höffe ist auch der Band:
"Der Mensch ist so notwendig verrückt..."
Skizze einer alternativen Philosophiegeschichte
bei Cimarron erschienen: http://www.cimarron-art.de/libris - Hoeffe.html
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