Was ihr Geheimnis ist?
Sie kündigt sich nicht an.
Kommt still heran und sagt
uns, was sie weiß – und was sie
uns verschweigt. Wir wissen‘s, und
wir wissen‘s nicht.

Woher sie kommt, der lange Weg
durch eine ferne Zeit trägt schwer
an der Vergangenheit, gibt uns
noch immer Rätsel auf; auch wenn
sie uns beglückt, und wir nicht wissen,
was ihre wahre Absicht ist.

Sind wir es, oder sind wir‘s nicht,
die nicht verstehen können, was
sie uns sagt, und was wir weitergeben
durch den inneren Blick, in dem sie
sich verbirgt, und uns daran erinnert,
wann sie uns Zeit zum Reden gibt.

Das ist geschehn! Sie war schon früh
mein Gast, wollte partout nicht gehn.
Wir plauderten und scherzten, lachten
über unsere Zeit, obwohl wir viel zu nah
den Tränen war‘n. Dann verließ sie mich –
die Muse meines Herzens und der Phantasie.

Sie weiß es schon
 
 

Aus: Späte Visionen (Arbeitstitel)
Autor: Gregori Latsch
23. Folge

Wohin die Liebe führt

Daß jemand Großes aus der alten
Sagenwelt der Himmelsgötter einen
Jüngling liebt, wen kümmert das!
Sind Götter auch nur Menschen!?
Was für ein Glück, daß es Legenden gibt.

Als Mundschenk
für die anderen Großen in seiner Runde
hatte Z. den jungen Ganymed, den
schönsten aller Knaben, vorgesehen –
und ihn geraubt,
wie das zu alten Zeiten Sitte war

Es hieß auch, daß ihn Z. durch seinen
Adler rauben ließ. –
Wer weiß, vielleicht ist Ganymed noch
heute der Liebling Nummer eins
im göttlichen Olymp.

Aus Frankfurt kam die Nachricht, daß
Ganymed der Frühling sei, unendlich schön.
Und daß der junge Dichter J.W.G. an seinem
Busen liege, der Natur, schmachtend im
Gras und lieblichen Morgenwind. – Es ruft
die Nachtigall im Nebeltal, und Wolken
schweben aufwärts, abwärts...

Und währendessen, zweihundert Jahre später,
Corona-Viren auch einen Götterliebling nicht
verschonen würden; es sei denn,
Zeus zeigt ein Erbarmen, und pustet alles
Unsichtbare, das seinen Liebling töten kann,
zurück ins All.

So trösten wir uns durch der Worte Klang.
Ein schwacher Trost von unserem Mann aus
Weimar, der seine Zeit durch Poesie verändern
wollte, was immer schon ein Abenteuer unserer
Sinne war.

 

Aus: Späte Visionen (Arbeitstitel) - Autor: Gregori Latsch - Genre: Poetische Texte

Lesers Wiederholungswunsch

Wenn dieser Anfang, von Vergessenheit umhüllt,
verstreut in Feldern, Bergen, Städten,
ein bunter Falter wäre, der die Zeit durchfliegt,
auch Leben heißt, das täglich aus den Sternen fällt,
in Myriaden Träumen weiterlebt, nach Opfern
sucht und Helden findet, vom Rausch des
Glücks beseelt in Armut untergeht, nach ungezählten
Flügelschlä­gen niemals müde wird und auf
dem Wind die Botschaft weiterträgt, die Liebe heißt -
die großen Meere überwindet, weit ins Innere der
Kontinente stößt, erlöst wird von der Hoffnung,
die in den Gedanken wohnt...

... wenn dieser Anfang, der auch Leben heißt,
von dem wir sagen können, daß er wie ein Falter ist,
nicht schon das Ende in sich trägt, das
einem Torso gleicht, der unvollendet uns begleitet,
ein Anfang bleibt, ein Anfang, von Vergessenheit
umhüllt, die schönsten Sinne in uns weckt, die
immer noch im Anfang stecken bleiben, was uns
erschreckt und zu der Frage führt:

Woher der Anfang kommt und was am Ende bleibt,
das unsere Tage überlebt und sagt: Hier war der
Anfang unserer Zeit. Hier haben wir gelebt.

Wir wissen nicht, was bleibt.
Wir wissen nicht, warum das Leben untergeht.
Wir sind so weit von uns entfernt.
Wir kennen uns noch nicht. Und selbst das
Sein erscheint uns fremd, in einem kalten,
fernen Licht.
Was täglich aus den Sternen fällt
 
Aus: Eine Nation ist kein Garten Eden
Reihe: Cimarron bibliophil
Autor: Gregori Latsch
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