Warte noch, Wanderer, sieh nach,
was hinter dir liegt. Willst du das

alles vergessen auf diesem dunklen
Weg? Nichts darf dich begleiten.

Erinnerungslos soll alles sein. Und
in das Dunkle führst du dich selber ein.

Einen Gedanken behalte für dich.
Denk an die Stunden des Trostes.

Umarme noch einmal, im Kreis deiner
Lieben, den letzten LebensAugenblick.

Stunden des Trostes
 
 

Aus: Späte Visionen (Arbeitstitel)
Autor: Gregori Latsch
Genre: Poetische Texte

Wohin die Liebe führt

Daß jemand Großes aus der alten
Sagenwelt der Himmelsgötter einen
Jüngling liebt, wen kümmert das!
Sind Götter auch nur Menschen!?
Was für ein Glück, daß es Legenden gibt.

Als Mundschenk
für die anderen Großen in seiner Runde
hatte Z. den jungen Ganymed, den
schönsten aller Knaben, vorgesehen –
und ihn geraubt,
wie das zu alten Zeiten Sitte war

Es hieß auch, daß ihn Z. durch seinen
Adler rauben ließ. –
Wer weiß, vielleicht ist Ganymed noch
heute der Liebling Nummer eins
im göttlichen Olymp.

Aus Frankfurt kam die Nachricht, daß
Ganymed der Frühling sei, unendlich schön.
Und daß der junge Dichter J.W.G. an seinem
Busen liege, der Natur, schmachtend im
Gras und lieblichen Morgenwind. – Es ruft
die Nachtigall im Nebeltal, und Wolken
schweben aufwärts, abwärts...

Und währendessen, zweihundert Jahre später,
Corona-Viren auch einen Götterliebling nicht
verschonen würden; es sei denn,
Zeus zeigt ein Erbarmen, und pustet alles
Unsichtbare, das seinen Liebling töten kann,
zurück ins All.

So trösten wir uns durch der Worte Klang.
Ein schwacher Trost von unserem Mann aus
Weimar, der seine Zeit durch Poesie verändern
wollte, was immer schon ein Abenteuer unserer
Sinne war.

 

Aus: Späte Visionen (Arbeitstitel) - Autor: Gregori Latsch - Genre: Poetische Texte

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