Treffen mit Homer
 

Was soll ich zuerst, und was zuletzt erzählen? Hat mich doch niemand gelehrt, dies oder jenes zu sagen, und manches dem Ohr zu verschweigen. Alles kam und kommt von allein. Wenn auch das Herz so manche Kränkung erduldet, die Sorgen zu empfinden, ist ermattend; und schmerzlich die ganze Nacht zu durchwachen. Schlaflos sein, wer kann das lange ertragen! Und ohne Freude in ungerechter Weise zu leben, zerstört unsere Seele. Ist doch kein Wesen so eitel und unbeständig als der Mensch. Und wegen Mißachtung der Worte eines Poeten wird unsere Spezies ihr Ende nicht schneller erreichen. –
Darüber schreiben wir, aus welchem Anlaß auch immer, zu allen Zeiten.

 

Aus: Späte Visionen (Arbeitstitel) - Autor: Gregori Latsch - Genre: Poetische Texte

 

 

Wohin die Liebe führt

Daß jemand Großes aus der alten
Sagenwelt der Himmelsgötter einen
Jüngling liebt, wen kümmert das!
Sind Götter auch nur Menschen!?
Was für ein Glück, daß es Legenden gibt.

Als Mundschenk
für die anderen Großen in seiner Runde
hatte Z. den jungen Ganymed, den
schönsten aller Knaben, vorgesehen –
und ihn geraubt,
wie das zu alten Zeiten Sitte war

Es hieß auch, daß ihn Z. durch seinen
Adler rauben ließ. –
Wer weiß, vielleicht ist Ganymed noch
heute der Liebling Nummer eins
im göttlichen Olymp.

Aus Frankfurt kam die Nachricht, daß
Ganymed der Frühling sei, unendlich schön.
Und daß der junge Dichter J.W.G. an seinem
Busen liege, der Natur, schmachtend im
Gras und lieblichen Morgenwind. – Es ruft
die Nachtigall im Nebeltal, und Wolken
schweben aufwärts, abwärts...

Und währendessen, zweihundert Jahre später,
Corona-Viren auch einen Götterliebling nicht
verschonen würden; es sei denn,
Zeus zeigt ein Erbarmen, und pustet alles
Unsichtbare, das seinen Liebling töten kann,
zurück ins All.

So trösten wir uns durch der Worte Klang.
Ein schwacher Trost von unserem Mann aus
Weimar, der seine Zeit durch Poesie verändern
wollte, was immer schon ein Abenteuer unserer
Sinne war.

 

Aus: Späte Visionen (Arbeitstitel) - Autor: Gregori Latsch - Genre: Poetische Texte

Verlust des Lebens und der Liebe
Nach dem 66. Sonett
von William Shakespeare

 

Nach allem, was geschehen ist, wünsch ich mir eine lange Ruh‘.
Das ganze Streben bringt dem Leben nichts.
Und wer sich vorstellt, groß zu sein, ist nur ein Wicht.
Und Einfalt nimmt dem Glauben seinen Wert.
Und was von Ehre zeugt, verfällt in Schmutz.
Und Frauen, die man liebt, benutzt man nur.
Und edlen Gesten bricht man das Genick.
Und was uns stärken soll, verliert bald an Gewicht.
Und Dummheit buchstabiert uns, wie man denken soll.
Und Kunst wird nicht erkannt, und von der Obrigkeit belacht.
Und einfache Gedanken, wahr in ihrem Kern, verachtet man.
Und was gelingt in Worten und in Kunst, bleibt unbedacht.

Von soviel Ignoranz ermüdet, geh ich allein den letzten Weg.
Ach könnte meine Liebe mir dabei zur Seite stehn.

Aus: Eine Nation ist kein Garten Eden
Reihe: Cimarron bibliophil
Autor: Gregori Latsch
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