Sag kein Wort

Dich zu umarmen.
Schwerelos, als schwebten wir im Kreis;
und deine Liebe einzuatmen, die
prickelnd uns durchfährt.

Dich zu umarmen.
Laß mich nie mehr los! Im Reigen
der Gefühle eingebunden,
sind wir ein selbstvergessenes Paar.

Dich zu umarmen.
Was für ein Sonnenlicht! Selbst mit
geschlossenen Augen seh ich dich, und
die Gedanken brennen lichterloh.

Dich zu umarmen.
Sag jetzt kein Wort! Die Stille bringt uns
in ein fernes Land, aus dem herauszukommen
nur der Liebe Weg uns weist.

Dich zu umarmen – ist mein Wunsch.
Sind wir uns einig? Dann führe ich dich fort.
Nur wenige Schritte sind‘s. Die innere Umarmung
verbindet uns an einem stillen Ort.



   

Aus: Späte Visionen (Arbeitstitel)
Autor: Gregori Latsch
Genre: Poetische Texte

 
Lang lebe die Kunst
Kunstgenuss lindert nicht nur manchen Schmerz,
er steigert offenbar auch die Lebenserwartung.
Es lohnt sich, sein Gehirn frühzeitig und lebenslang durch Lektüre zu trainieren.

Lesen und Schreiben stärkt offenbar die Hirnfunktion.

Erkenntnisse einiger Studien
des University College London bzw. der Universität Columbia.

Quelle: Beilage Natur und Wissenschaft
der FAZ, Dezember 2019



Hinzuzufügen wäre noch der Umstand des subjektiven Glücksgefühls,
das uns einen Moment (und manchmal länger) vergessen läßt,
daß wir sterbliche Wesen sind.


Leser's Wiederholungswunsch
 
Als ich Büchner traf



Dieser kleine Ort, auch Goddelau
genannt,
ist ihm fremd geworden, sagt er.
Seine Gedanken stöbern nicht gern
in Kleinigkeiten herum.
Das sind ihm fremde Gesten.

Er horche lange die Worte ab,
nach einem besonderen Klang,
sagt er.
Jetzt findet er sich wieder als
Träger eines großen Namens,
den sie jährlich zu einem
Lorbeerkranz winden, um
Epigonen damit zu beglücken.
Die schönen Versuche, die
den Anfang nicht überleben,
und jene Anfänge, die in den
Versuchen stecken bleiben,
haben eine traurige Natur.
Diese Zeiten, sagt er, tragen etwas
vom Wert einer frühen Vergessenheit
in ihren Adern.

Als ich Büchner traf, nahm ich
mir vor, ihn nach seinen Plänen
auszufragen.
Jetzt sieht es danach aus, als
hätte ich ihn nie getroffen.
Er ist sich gleich geblieben.

Verändert haben sich nur meine
Gedanken, sagt er.
In Goddelau. In Goddelau.
 
Aus: a) Was das wohl sein mag, was die Dichter sagen
(Zweiter Titel des Doppelbandes: Lena... und das Paradies - Cimarron bibliophil, Band 4
b) In der Reihe Cimarron art ist über Georg Büchner erschienen: Ich schicke dir Küsse.
Ganzlederausgabe (Lenz und aphoristische Prosa, Oberlin, Waldersbach etc.)
Gesamtausgabe: 3 Exemplare
 
 
Nach unserem vierzigsten Treffen. 1979 - 2019.
Südlich vom Kloster Eberbach.
 

In vertrauter Runde

Sind wir nicht immer noch
so jung – im Herzen – wie wir
früher waren, vor langen Jahren!

Was unterscheidet uns von jenem frühen Bild?
Der harte Blick und die vermurkste Haut?
Der krumme Gang? Das Plaudern mit uns
selbst? Und Nörgeln haben wir dazugelernt.
Und stillere Töne, denn das Herz verträgt
nicht mehr den lauten Klang. Und was das
Essen angeht, nun ja, manch einer packt sich
immer noch den Teller voll. –
Und dann der Wein!
Was waren das für Tage, an denen wir, in
schöner Runde, alle Sorten genossen!
Das Schlußlicht war der Eiswein, eine
wunderbare Rarität.

Schaun wir uns an – in alter Runde!
Sechs Herzen freuen sich auf dieses
Wiedersehn. – Was fehlt uns denn!?
Der Übermut der Jungen, die Frechheit,
dieses Leben so zu sehn, wie wir es
wollten!? Das gelingt nicht mehr.

Und jetzt...!?
Ach, laßt uns nicht darüber klagen,
ein anderer zu sein! Der Tisch ist voll!
Und irgendwo in den Gewölbekellern
entdecken wir noch einen königlichen Wein.

 
Aus: Späte Visionen - 2019/20 - Autor: Gregori Latsch
 
Aus gegebenem Anlaß
 
Zum Abtransport bereit – Menschen in Vieh-Waggons.
In Boryslaw. Im Osten. Ein hochgewachsener Mann
im Anzug mit Krawatte erscheint, und fordert,
daß seine Juden ausgeladen werden. 19/42.

Und die SS–Soldaten schimpfen – und drohen
Berthold Beitz. Das war der Mann, noch unter dreißig,
Direktor eines Öl–Geschäftes, der sich nicht drohen ließ.

Die Nazis brauchten dieses Öl, und ließen sich auf
seine Wünsche ein, die lebensrettend war‘n.

Gerettet war auch Jurek Rotenberg, vierzehn Jahre alt.
Und beide Männer sahen sich, nach mehr als
siebzig Jahren, in Essen wieder.

Und niemand hat in unserem Land gewußt, daß dieser
große Mann der Industrie ein Held, ein Lebensretter
war, der einem grausamen Regime die Stirne bot.

Nur Jurek Rotenberg hat überlebt; ein Israeli,
mit deutschem Zungenschlag, der seine alte Sprache
nicht vergessen kann.

Und auch nicht, wer sein Lebensretter war, ein Deutscher:
Berthold Beitz, den die Geretteten als Held verehrten; hat er
doch einem grausamen Regime die Stirn geboten zu einer Zeit,
als es in solcher Lage nicht üblich, aber hoch gefährlich war,
als Deutscher auch ein guter Mensch zu sein.
Erinnerung an einen Helden

Im Juni 2015 sprach Norbert Lammert
vor der KNESSET in Jerusalem, bezeichnete
die Freundschaft zwischen Israel und
Deutschland als ein Wunder der Geschichte.

Und sagte, daß die Deutschen dankbar sind
für unsere Freundschaft und stolz auf unsere
Partnerschaft mit Israel.

DIE WUNDEN SIND GEHEILT - DIE SEELE
TRAUERT NOCH - DAS LEID WAR GROSS, DIE
SCHULD DER EIGENEN LEUTE GRENZENLOS -
WIR HABEN UNS GESTELLT DER PFLICHT, ZU
SAGEN, WAS ZU SAGEN IST - UND OFFEN ZU-
GEGEBEN, WAS GESCHAH, UND NIEMALS
MEHR GESCHEHEN DARF -

Wie nah Jerusalem doch bei uns liegt, und
eine Bastion mit demokratischem Charakter
ist; und auch bedroht wird von so vielen Seiten,
und jeder glücklich überstandene Tag wie ein
Geschenk empfunden wird, und uns daran erinnert,
wie kostbar unser Leben ist – in Israel und anderswo.
Das zu erleben, erfüllt uns eine Reise nach Jerusalem.
Eine Reise nach Jerusalem
 

Aus: Eine Nation ist kein Garten Eden



Erinnerung an eine alte Freundschaft
Immer noch nicht begreifen kann
ich, was mit Herschel geschah,
meinem englisch-deutschen Freund.

Was war das für ein Jahr: 19/41,
als Herschels Eltern von braunen
Horden ins KZ geschleppt, vergast,
verbrannt, vergessen wurden?

Doch Herschel überlebte, als Baby,
und wurde bald schon aus dem Land
gebracht – und war ein Leben lang allein.

Im Keller unseres Clubs für Literatur
und Politik, in Frankfurt, in der
Goethestadt, erfuhren wir, wie unter-
schiedlich unsere Entwicklung war;
Anfang der 60er Jahre, bevor auf
unseren Straßen der Protest aus allen
Fugen brach.
Daß ich ein Kind von armen Eltern
war, verstand er nicht; und daß noch
sechs Geschwister die Begleiter meines
Lebens war‘n, fand er bewundernswert -
und abenteuerlich.

So fanden wir, im jugendlichen Übermut,
und gleichen Alters, zueinander,
als gute Freunde; die Glaubensfragen
überließen wir den andern.

Und was uns heute noch verbindet,
darüber schweigen wir. Wir hatten
früh ein wundervolles Einverständnis,
das man mit Worten nicht beschreiben
kann, und das uns nie verlassen wird. –

Es muß doch etwas in uns Menschen
liegen, das alles, auch die großen
Schmerzen, überwinden kann.

Nur unsere Muse weiß, wie lange schon
wir Menschen dieses Leid ertragen.
Sie nimmt uns an die Hand.

Aus: Späte Visionen - 2019/20 - Autor: Gregori Latsch
 
- Andere Stimmen -

Ein Plädoyer für poetische Texte – mit Phantasie.

Es muß etwas passieren: Warum es Politik und Gesellschaft ein Anliegen sein sollte, Lyrikverlage künftig zu unterstützen.

Doch darf eine Gesellschaft einfach zusehen, wie eine ganze literarische Traditionslinie aus Gründen fehlender Finanzierbarkeit verschwindet? Nein, denn Lyrik ist und bleibt ein zu bewahrendes kulturelles Gut.
Man muß demnach auf allen Ebenen wieder und wieder für das Gedicht werben, für dessen Klugheit, Eleganz und Radikalität.

Autor: Björn Hayer ist Dozent für Germanistik an der Universität Koblenz-Landau sowie Literatur- und Filmkritiker für verschiedene
Zeitungen und Magazine.

Quelle: Büchermagazin, August/September 2019

Ich lese die Gedichte von D'Annunzio immer laut.
Egal, ob ich allein oder mit Freunden bin. Einige kann ich auswendig.
Man weiß ja nie: Wenn man plötzlich irgendwo festsitzt,
das Smartphone ausfällt und man kein Gedicht weiß, ist man verloren.

Autor: Tom Müller
Verlagsleiter im Tropen Verlag.

Quelle: Büchermagazin, Oktober/November 2019

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