ROMANE


Warum ich nicht in Venedig war



Paolo und Alexandra



Sie kam von der Venus

Für alle, die zuhause bleiben müssen, veröffentlicht das Cimarron-Team in 3-tägigen Abständen zunächst Folgen aus den obigen Romanen des Autors Gregori Latsch. Diese drei im Team als Sommer-Trilogie bezeichneten Bücher sind bereits vor längerer Zeit entstanden, und zwar während eines Jahres vom Frühjahr bis zum Herbst; es ist UnterhaltungsLiteratur mit poetischen Einsprengseln und zauberhaften Themen.

Das Cimarron-Team beschäftigt sich überwiegend mit Ideen zu zeitgenössischen Themen in den bibliophilen- und Unikatausgaben. Diese Bücher und Hefte erscheinen in kleiner Auflage (33er, 66er, 99er), und zwar nur auf Bestellung.

Die bibliophilen Bücher können auch über den Buchhandel bezogen werden, ausgenommen davon sind die Unikatausgaben aus den Reihen Cimarron art/Cimarron graphik-art und Cimarron exquisit.

Seit August 2016 erscheinen täglich kurze Stücke: Aphorismen und poetische Texte, daneben alle 14 Tage satirische Prosa und Geschichten mit Esprit.

Unser Frankfurter Team beschäftigt sich mit Ideen zu interessanten Wettbewrben, an denen sich alle Zuhausegebliebenen beteiligen können; vielleicht dient dies dazu, die Lethargie des Schweigens aufzubrechen, wofür das Team auch Preise in Aussicht stellt, die allerings von der Großzügigkeit solidarischer Sponsoren abhängig sind. Darum bemühen wir uns bei allem Desaster, das manchmal den Mut des besten Mannes brechen kann.

ROMAN

Warum ich nicht in Venedig war
1. Folge

1

Der Wind jagte die Wolken nach Belieben über die Stadt. Ein blaßschimmerndes Blau, das von hellen Streifen durchzogen war, bildete den Untergrund. Vorboten des Herbstes.
Kaum jemand sah nach oben, als sich wenig später ein gewaltiger Wolkenberg gebildet hatte, der nach unten zu stürzen schien, doch bald schon wie ein ungebetener Koloß über die Stadt hinwegsegelte.
Die Sonne, ein Lichtquell mit tieferer Bedeutung, hatte freie Bahn. Sie brachte den Lack der Autos in den Straßen zum Leuchten, und unzählige andere Dinge erhielten eine neue, glänzende Bedeutung.
Alexander Vogelsang lächelte über die unerwartete Helligkeit in seinem Glas mit Orangensaft, in dem die Eiswürfel wie klobige Diamanten glitzerten. Sein Barkeeper hielt inne, als Vogelsang das glitzernde Glas an den Mund hob und langsam daraus trank. Dann setzte er es scheinbar zufrieden ab.
Vogelsang bemerkte die Neugierde seines Freundes, er schnippte übermütig mit einem Finger ans Glas. Ein dumpfer, satter Ton erklang.
Die kleine Bar in einer Seitenstraße der Innenstadt war ein Geheimtip für Leute, die in der Metropole lebten und denen das Grün vor den Toren der Stadt gleichgültig geworden war.
Der Barkeeper hielt das letzte geputzte Glas prüfend gegen das Licht, danach schlenderte er zu dem an einem Fensterplatz sitzenden Vogelsang.
Dieser blickte weiterhin unbeirrt nach draußen; einen Steinwurf weit bewegte sich eine schier endlose Menschenmasse durch die Einkaufsstraße. Nur wenige Sekunden lang zeigten sich die Menschen dem Auge des Betrachters, bevor sie an der nächsten Hausecke verschwanden.
„Wie geht’s deiner Mutter?“
Das Gesicht des Barkeepers nahm einen traurigen Ausdruck an. Vogelsangs Frage traf ihn an seiner empfindlichsten Stelle. Er war ohne Vater großgeworden und lebte mit seiner Mutter unweit der Stadt in einem kleinen Ort im Grünen.
„Sie ist über den Berg. Aber ihr Zustand macht mir Sorgen.“
„Das tut mir leid.“
Der Barkeeper zeigte auf eine hochgewachsene Frau, die sich aus dem Einkaufsgewimmel gelöst hatte und in die kleine Straße einbog. „Ist das nicht Tina?“ Vogelsangs Blick folgte der ausgestreckten Hand.
„Ja, wie sie leibt und lebt. Was will sie denn schon hier?“
„Vielleicht nur guten Tag sagen“, sagte der Barkeeper, während er zur Tür eilte und sie öffnete. Die junge Frau kam mit Einkaufstaschen beladen hereingeschlendert. Sie begann zu stöhnen.
„Puh, es ist viel zu warm für diese Jahreszeit!“, entfuhr es ihr, während sie die Einkaufstaschen auf dem Boden abstellte. Sie ging zu dem Barkeeper , den sie um Kopfeslänge überragte, und küßte ihn zärtlich ihn auf die Stirn. „Ich bin nur kurz hier, mein Geld ist ausgegangen. Ich habe mich total verkalkuliert.“ Sie beugte sich über den sitzen gebliebenen Vogelsang, der einen Kuß auf die Wange erhielt, was der Barkeeper mit leichtem Groll aufnahm.
Vogelsang wies auf einen freien Stuhl. Tina nahm den Platz des Barkeepers ein, der einen dritten Stuhl heranzog und sich dazusetzte.
„Was hast du in den Tüten?“ Der Barkeeper erwartete nicht, von Tina eine zufriedenstellende Antwort zu erhalten.
„Das geht dich überhaupt nichts an!“ sagte sie schnippisch. Sie streichelte ihm wie zur Beruhigung über die wenigen verbliebenen Haare, die sich in einem offenen Bogen um seinen Kopf legten.
„Wieviel brauchst du?“ Vogelsang zog die Geldbörse aus der Tasche und überflog sein Barvermögen.
Tina blickte in die Börse und griff nach zwei großen Scheinen. Vogelsang streckte Tina die andere Wange entgegen, auf die er einen schmatzenden Kuß erhielt.
„Willst du was trinken?“ sagte der Barkeeper rasch, in der Hoffnung, von Tinas Kußlaune zu profitieren.
„Ja, mach mir was Kühles.“
„Warte!“ sagte Vogelsang hart. Tina und der Barkeeper schwiegen sofort. „Ist das nicht Marc Anton?“ Der Barkeeper sah durch das Fenster und entdeckte einen mittelgroßen Mann im eleganten Anzug, der ihrer Bar zusteuerte.
„Da ist was im Busch. Was will der hier?“ Vogelsang sah von einem zum andern, als erwartete er von seinen Leuten eine Antwort, die ihm doch keiner geben konnte.
„Ich hol was zu trinken!“ sagte der Barkeeper ausweichend.
Tina stand auf und folgte ihm. „Ich komme mit.“
Vogelsang stellte den dritten Stuhl an seinen Platz zurück und ging zur Tür, als wollte er die Bar verlassen. Er war nicht beunruhigt, mehr erstaunt über das Erscheinen eines Mannes, der nur Nachrichten überbrachte, wie Vogelsang, den man auch den Boten nannte. Doch die Nachrichten jenes Mannes besaßen einen schrecklich zwingenden Stil.
Der mittelgroße Mann mit dem kantigen Kopf und den gepflegten kurzen Haaren betrat die Bar. Vogelsang versuchte, sich an ihm vorbeizuschlängeln, was reine Taktik war. Marc Anton blieb demonstrativ vor ihm stehen.
„Sie sind doch der Bote, nicht wahr?“ Vogelsang nickte. „Sie haben Pech“, sagte er ausweichend, „ich wollte gerade gehen.“ Marc Anton schüttelte lächelnd den Kopf. „Wir gehen zusammen.“ Sein italienischer Akzent strotzte vor mediterranem Charme.
„Und wohin sollen wir gehen?“ Vogelsang bewies Haltung. Der Barkeeper duckte sich leicht, als erwartete er einen Schlag, Tina warf Vogelsang einen anerkennenden Blick zu.
Marc Anton überspielte Vogelsangs braven Spott. „Kommen Sie, ich sage es Ihnen unterwegs.“ Er ging zur Tür, die er offenhielt. Vogelsang drehte sich seinen Leuten zu und zuckte mit den Achseln, dann folgte er Marc Anton nach draußen.
Sofort stürzten der Barkeeper und das Mädchen zu den Fenstern. Sie beobachteten, wie ihr Chef seinen Begleiter grinsend von der Seite betrachtete. Er nahm den eleganten Beau nicht ernst.
Vor ihnen lag die Einkaufsstraße. Vogelsang versteckte seine Hände auf dem Rücken und gab seinen Leuten ein Zeichen. Der stramm marschierende, elegant gekleidete Italiener bemerkte davon nichts. Vogelsang trug ein sommerlich anmutendes dunkles Leinenjackett, dazu ein kurzes Sporthemd und eine helle Hose; seine korpulente Körperform war unter der schlabbernden Kleidung prächtig verborgen.
Bevor das ungleiche Paar sich unter die Passanten mischte, drehte sich Vogelsang um und warf seinen Leuten, er kannte ihre Neugierde, eine Kußhand zu.
Tina ging zur Tür und schloß sie ab. Der Barkeeper grinste erwartungsvoll. Das Mädchen befreite sich von ihrer Bluse. Ihr war es zu warm geworden. „Ist das der Sekretär des Blinden?“
Der Barkeeper folgte ihr zum Tresen. „Der Mann ist nicht blind. Das ist ein Trick von ihm...“ Tina legte die Bluse über einen Stuhl. „Aber das kann er sich leisten...“, sagte der Barkeeper mit schwacher Stimme. „Schließlich ist er der reichste Mann in der Stadt.“ – „Bist du sicher?“ sagte Tina, während ihre Hände nach dem Barkeeper griffen und ihn zu sich heranzogen. Dieser öffnete Tinas BH, danach versenkte er seinen Kopf zwischen ihre Brüste. „Manche sagen, sein Vermögen würde zwei Milliarden betragen...“ kam es stotternd aus zwei süßen prallen Fleischmelonen. Tina dachte nach, sie überlegte, wie viele Millionen das wären. Ihr Gesicht erhellte sich. „Zweitausend!“ rief sie aus. Der Barkeeper sah kurz auf. „Was sagtest du!?“ – „Ist der Chef in Schwierigkeiten?“ fragte sie lächelnd nach unten, ihr Kollege hatte sich an ihren Brustwarzen zu schaffen gemacht. Er war unersättlich. „Nein, es geht bestimmt um einen Auftrag. Das ist gut fürs Geschäft.“
Das war ein Stichwort für Tina. Sie drückte noch einmal ihre stolzen Brüste an die Wangen des Barkeepers und befreite ihn dann von dem Vergnügen, sich in der Lust zu verlieren.
Der Barkeeper ordnete seine Sinne, so gut es ging. Er stand wie ein Stier apathisch im Raum und suchte nach einem Angriffspunkt. Tina drehte ihm den Rücken mit dem offenen BH zu. „Du weißt ja, wie’s geht.“ Der zweibeinige Stier sorgte dafür, daß die schweren Brüste zurück in die überdimensionalen Körbchen kamen.
„Ich muß was trinken!“ sagte sie fordernd. Der Barkeeper verschwand hinter dem Tresen und mixte Tina’s Lieblingsgetränk. Das Mädchen hatte sich wieder ans Fenster gesetzt. Der Barkeeper brachte ihr das Getränk. Tina setzte es an den Mund und trank mit einem Schluck das Glas halbleer.
Der Barkeeper hatte ihr gegenüber Platz genommen. „Meine Mutter ist wieder gesund“, sagte er beiläufig. – „Schön“, antwortete Tina. Sie wußte, worauf Eric hinauswollte. Sie machte ihm keine Hoffnungen. Er tat ihr leid. Und wenn er nicht ein so netter Kollege wäre, dachte sie, kriegte er gar nichts von mir. Eric erinnerte sie von seiner Erscheinungsform her an den amerikanischen Schauspieler und Regisseur Woody Allen. Sie suchte – insgeheim – nach anderen Männern. Und warum sollte sie nicht auch einmal den Richtigen finden! Gelegenheit dazu gab es genug.
Das Geld von Vogelsang war ein Geschenk. Das wußte auch Eric. Tina hatte es gut getroffen. Sie mochte die beiden Männer. Unterschiedlichere Typen konnte es kaum geben. Nur Vogelsang verbarg seine Gefühle; noch niemals war er Tina zu nahe getreten. Er ist ein Gentleman, dachte sie. Er hatte ihr aus der Klemme geholfen, als ein aufdringlicher Verehrer (von Tinas äußeren Attributen) ihr das Leben zur Hölle machen wollte. Sie besprachen zu dritt, wie ihr geholfen werden konnte. Eric hielt sich zurück, der großzügige Verehrer war ein Riese, der im übrigen einen passenden Partner für Tina abgegeben hätte. „Aber nur von der Körperform her“, hatte Eric zu Vogelsang bemerkt. Der schüttelte gereizt den Kopf. „Er ist ein Arschloch, dumm und von seiner Größe eingenommen.“ Eric war erstaunt über Vogelsangs Zorn, den er ihm nicht zugetraut hatte.
Zwei Tage später saß ein noch größerer Bulle auf dem Stammplatz von Tinas Verehrer. Tina stellte ihn als ihren Bruder vor. Woher der Mann kam, wußte niemand. Auf keinen Fall aus unserer Stadt, dachte Eric. Der Mann sprach einen russischen Akzent. Der Verehrer versuchte zunächst, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Das half nichts. Der andere war von Vogelsang auf seine Rolle gut vorbereitet worden. An jenem Abend hielt sich Tinas Verehrer zurück. Dieses Spielchen wiederholte sich einige Male. Am Ende der Woche kam es zum Streit zwischen den beiden Männern. Tina genoß es, ihren angeblichen Bruder immer dann zu herzen, wenn ihr abgeblitzter Verehrer sich als Sponsor von Getränken an fremde Gäste hervorgetan hatte.
Der Riese mit dem russischen Akzent parierte den Angriff des gereizten Verehrers und schleppte ihn auf die Straße. Es war still geworden in der kleinen Bar. Alle horchten nach draußen, vielleicht krachten bald irgendwelche Knochen. Sie wurden enttäuscht. Tinas vermeintlicher Bruder betrat gut gelaunt die Bar, er wälzte seinen Körper zum Tresen, Eric kam ihm beflissen entgegen, der Kleine mochte den Großen und der Große den Kleinen.
„Das war’s“, sagte die Dampfwalze. „Er wird sie in Ruh’ lassen! Sag das deinem Chef.“ Eric nickte. „Wünsch dir was, du hast freie Zeche.“
„Nein!“ sagte Tinas angeblicher Bruder, der Tinas Hand auf seiner Schulter spürte. „Hast du’s ihm gegeben?“ – „Ja, Mädchen, ich hab’s ihm gegeben. Bist du froh?“ – „Danke“, sagte Tina und gab dem Mann einen gefühlvollen Kuß auf die Wange. „Er läßt dich in Ruhe.“ Dazu zeigte der Riese ein glückliches Grinsen. „Ich muß heute wieder zurück.“
Einige Gäste hatten versucht, herauszufinden, was die drei am Tresen besprachen, sie atmeten erleichtert auf, als sie Tina in gewohnt guter Laune durch die Bar wirbeln sahen.
Das war eine von Alexander Vogelsangs Initiativen. Er war unschlagbar in der Organisation hilfreicher Aktionen. Sein Freund Michael Sandfeld sah in Vogelsang den geborenen Politiker. Dazu fiel Vogelsang nichts ein. Er wollte mehr im stillen wirken. Nichts wäre ihm unangenehmer gewesen, als prominent zu sein, bekannt in Stadt und Land. Das hätte ihn zutiefst beunruhigt. Und außerdem hätte er sich dann anders kleiden müssen, zum Beispiel gepflegter, was ihm äußerst zuwider war.
Eric verfolgte Tinas Weggang von seinem Fensterplatz. Ihm zuliebe wackelte sie einige Male aufreizend mit dem Hintern. Der stramme Rock hielt zusammen, was rund und schön geformt war. Eric war an diesem Vormittag der glücklichste Mann in seiner Straße.


2

Wonach Michael Sandfeld sich sehnte, war ein Haus auf einem Hügel, mit weitem Blick ins Land. Irgendwo am nahen Horizont würde eine Burgruine stehen, natürlich auf einem Berg, Landleute beackerten die Felder, überall grasten Schafe und Kühe, ein mittelgroßer Fluß zog sich durch das Tal, das fast ohne Geräusche war. Ohne Geräusche...? Michael zog die Bettdecke über den Kopf, als erneut ein Frühstarter vom nahen Flughafen über sein Haus raste und sich in den Himmel bohrte. Er war hellwach und sprang aus dem Bett, wusch sich, spülte sich den Mund aus und ordnete die Haare. Nach dieser Anfangshygiene versuchte er, seine Gliedmaßen durch ein paar bewährte Lockerungsübungen auf die Pflichten des Tages vorzubereiten. Danach zog er sich an.
Als er aus dem Fenster des vierten, letzten Stockwerkes seiner Wohnung sah, hinüber zu einem kleineren Haus, bereute er es, sich schon angezogen zu haben. Sie war wieder da! Sie beugte sich unter dem Vorhang halbnackt aus dem Fenster. Er lächelte, als sich die Frau am Fenster aufrichtete, seltsam steif und, wie es Michael schien, unsicher und ängstlich, soweit er das aus der Entfernung beurteilen konnte. Das Mädchen machte eigenartige Bewegungen, ihr Oberkörper stieß nach vorn und wieder zurück, der Kopf blieb ruhig und ernst. Dieses Verhalten kam ihm ungewöhnlich vor.
Michael stutzte, als er an der Seite des Mädchens, oberhalb ihrer Taille, etwas aufblitzen sah. Er holte sein Fernglas und beobachtete die Szene. Der leichte, helle Fenstervorhang lag wieder auf dem Rücken des Mädchens, das Blitzen war verschwunden. Doch das Gesicht der Frau beunruhigte ihn. Angst las er darin – und Schmerzen. Jetzt konnte er deutlich die ruckartigen Bewegungen ihres Körpers erkennen. Auf einmal begann sein Herz wie wild zu schlagen! Er hatte eine Gestalt hinter dem Vorhang entdeckt, die sich, je näher sie dem Vorhang kam, als der Oberkörper eines Mannes entpuppte. Der Unbekannte hatte seinen Kopf dicht an den Vorhang gedrückt, seine lusterfüllte Visage stand in schrecklichem Gegensatz zu dem schmerzverzerrten Gesicht der jungen Frau.
Die linke Hand des Mannes hatte unter dem Vorhang hindurch nach dem Genick des Mädchens gegriffen und sie erbarmungslos nach unten gedrückt, als das Mädchen sich wieder einmal, benommen von den Schmerzen, aufrichten wollte. Michael suchte nach einem Halt, er zitterte. Seine Hand war unfähig, das Fernglas ruhig zu halten. Apathisch griff er zum Telefon und wählte die Nummer der Polizei.
Überraschend schnell klingelte es an seiner Tür. Er stürzte die Stufen hinunter, folgte dem Polizisten zum Wagen, in dem sein Kollege saß, und erzählte beiden noch einmal, was er gesehen hatte. Es hagelte Fragen. Nein, er kannte das Mädchen nicht persönlich. Er wußte, daß sie Krankenschwester war. Woher er das wußte? Er sah sie seit Jahren, auf der Straße und im Park der Klinik. Er war Schriftsteller, das heißt, er war auf einem guten Weg. Natürlich gibt es Bücher von ihm. Aber darum geht es doch nicht! Warum er das Mädchen beobachtete? Wenn er aus seinem Fenster sah, blickte er automatisch auf ihre Wohnung. Viel wichtiger erschien es ihm, unbemerkt in ihr Haus zu gelangen, bevor es zu spät war.
Der Gewalttäter konnte über den Balkon auf der anderen Seite des Hauses leicht entkommen. Michael empfahl den Polizisten, über den Balkon, der im ersten Stockwerk lag, dem Mädchen zu helfen. Er, Michael Sandfeld, wollte aus fadenscheinigen Gründen an ihrer Tür klingeln.
Die Polizisten parkten den Wagen am Eingang zu der kleinen Siedlung. Eine Sperre hinderte sie an der Weiterfahrt. Zu dritt liefen sie zu dem letzten Haus, in dem sich die Wohnung der Krankenschwester befand.
Sie erreichten das Gebäude und musterten Michael von oben bis unten. „Okay“, sagte einer von ihnen, „gehen Sie zur Wohnung.“ Sie sahen sich den bis auf den Boden reichenden Balkonaufbau an. Er war leicht zu erklettern, und sie bemerkten, daß die Balkontür offen stand.
„Gehen Sie! Sagen Sie, Sie wären ein Handwerker!“ – „Okay“, erwiderte Michael. „Ich bin schon unterwegs.“ Er war aufgeregt, viel zu aufgeregt.
Während einer der Polizisten den Balkon erkletterte, sicherte sein Kollege mit der Waffe den Einsatz. Danach stieg auch er nach oben.
Michael verschwand durch die offenstehende Eingangstür, er sprang die Stufen hoch und erreichte nach wenigen Sekunden die Wohnungstür des Mädchens. Gewitzt hielt er sein Ohr an die Tür, bevor er klingelte. Er hörte laute, lustvolle Geräusche, danach schmutzige Schimpfwörter, mit denen sich der Mann auch verbal an seinem Opfer abzureagieren schien. Michael bebte vor Wut. Und er war aufgeregt, viel zu aufgeregt.
Als er die Klingel betätigte, wurde es still. Michael klingelte weiter. Schritte näherten sich. Die junge Frau fragte mit schwacher Stimme, wer an der Tür sei. „Ihr Handwerker“, sagte er. „Sie haben mich doch bestellt.“ Einige Sekunden herrschte Stille, dann sprach das Mädchen mit gebrochener Stimme weiter. „Kommen Sie später wieder, ich fühle mich nicht wohl.“
„Gut, wie Sie meinen!“ rief Michael laut in den Flur. Er tat so, als entfernte er sich, heimlich drückte er sich in einen Winkel des Flures, in dem man ihn von der Tür her nicht entdecken konnte.
Erneut hörte er das Fluchen des Mannes und klatschende Schläge, die dem Mädchen galten. Michael lief zur Tür zurück und preßte sein Ohr an das Holz.
Gleich wird es geschehen.... Es muß geschehen!, schoß es ihm durch den Kopf. Sein Herz raste wie wild.
Ein gräßliches Schreien war zu hören, Möbelstücke stürzten um, die Polizisten riefen laut durcheinander, das Mädchen schrie noch einmal hysterisch auf, danach trat Stille ein.
Michael wich erschrocken von der Tür zurück, als diese abrupt geöffnet wurde. „Kommen Sie“, sagte einer der Polizisten. „Wir haben den Mann in unserer Gewalt.“
Michael folgte ihm in die Wohnung. Er durchschritt einen kleinen Flur und trat ins Wohnzimmer, durch das man zum Balkon gelangte. „Wo ist sie?“ fragte er den jüngeren Polizisten, der ihn hereingelassen hatte. „Mein Kollege kümmert sich um sie.“ Er zeigte durch die offene Tür zum Nebenraum. „Warten Sie noch einen Moment.“
Michael sah sich um. Die Wohnung war mit frischen, modernen Möbeln eingerichtet. Auf dem Parkettboden lag ein buntgewebter Teppich. Die Sonne erfüllte den Raum mit zauberhaftem Licht. Der jüngere Polizist stand auf dem Balkon und telefonierte.
Ein keuchendes Stöhnen erinnerte Michael an den Gewalttäter, er entdeckte ihn mit Handschellen an den Armen auf dem Boden, am Ende der Couch. Der Mann versuchte, sich das Blut aus dem Gesicht zu wischen. Er muß sich gewehrt haben, dachte Michael. Sein Oberkörper war frei. Er sah zu Michael auf. „Bist du der Handwerker?“ Michael schwieg. „Du hast die Polizei geholt, nicht wahr?“ Michael sagte kein Wort. Der jüngere Polizist verließ einen Moment den Balkon, er vergewisserte sich, daß alles in Ordnung war. „Paß nur auf, daß dir nichts passiert, wenn ich...“, sagte der Gewalttäter gereizt zu Michael.
Von der Tür meldete sich die Stimme des zweiten Polizisten, ein Mann um die vierzig, mit bulligen Schultern. Er hatte den Satz des Gefangenen mitangehört. „Was soll denn passieren? Hast du noch nicht genug?“ Er ging auf Michael zu. „Sie will mit Ihnen sprechen. Sie ist sehr tapfer.“
„Sie ist Krankenschwester“, sagte Michael, „die sind hart im Nehmen.“
„Wir warten hier noch auf Kollegen, gehen Sie ruhig rein.“
Michael folgte der Aufforderung. Hinter seinem Rücken, bevor er die Tür zu dem anderen Zimmer geöffnet hatte, hörte er den zweiten Polizisten: „Hast du noch nicht genug, du Dummbeutel!“ Schläge auf Knochen klangen Michael schmerzend in den Ohren. Er beeilte sich, die Tür hinter sich zuzuziehen.
Er befand sich im Schlafzimmer der jungen Frau. Diese saß, notdürftig bekleidet, auf dem Bettrand. „Ein Glück, daß ich an diesem Morgen früher aufgestanden bin. Wie fühlen Sie sich?“ sagte Michael leise.
„Nicht gut. – Danke, daß Sie so spontan reagiert haben.“
„Ich bin Ihr Nachbar, im weitesten Sinne. Nur eine Wiese liegt zwischen uns.“ Er lächelte verlegen.
„Es ist schrecklich, in der Klinik bin ich an solche Opfer gewöhnt, daß ich selber einmal dazuzählen würde, hätte ich nie gedacht.“
Michael erinnerte sich an das helle Blitzen eines Gegenstandes am Körper der jungen Frau. „Hat er Sie mit einem Messer bedroht?“
„Ja. Die Polizisten haben die Waffe an sich genommen. Ich spürte hin und wieder die Spitze in meiner Seite. Wer weiß, was geschehen wäre, wenn Sie nicht...“ Sie senkte den Kopf und begann zu weinen.
Die Tür öffnete sich, herein traten zwei Kriminalbeamte in Zivil. Sie überflogen mit schnellen Blicken den Raum. Einer von ihnen setzte sich zu der jungen Frau und tröstete sie. Der zweite war zum Fenster gegangen und winkte Michael zu sich heran. Der Mann zeigte zu den gegenüberliegenden Häusern. „Das sind fast zweihundert Meter Abstand.“
„Ich hatte ein Fernglas benutzt“, sagte Michael.
Der Polizist sah Michael lange an. „Sie sind Schriftsteller?“
„Ja.“
„Schon was veröffentlicht?“
„Nicht viel. Die Zeit fehlt mir. Ich muß jobben, um zu überleben.“
„Sehen Sie öfter durch das Glas?“
„Nein. Ich bin fast den ganzen Tag außer Haus. Abends schreibe ich.“ Michael drehte seinen Kopf einen Moment zu dem Opfer. „Wenn mir ihr Verhalten nicht so seltsam erschienen wäre, hätte ich das Glas nicht in die Hand genommen.“
„Ich verstehe. Sie haben ihr das Leben gerettet. Dieser Mann wird seit langem gesucht. In der Regel macht er (seine Stimme wurde leiser), wenn er bekommen hat, was er wollte, kurzen Prozeß mit seinen... Opfern.“
Michael wendete sich mit leichtem Schaudern ab. „Das ist ja schrecklich! 0, nein!“
„0, ja!“ entgegnete der Kriminalist. „Es geht nicht alles so glatt ab im Leben.“ Er streckte Michael die Hand entgegen. „Danke. Sie haben uns eine Menge Arbeit abgenommen. Sie waren gut. Meine Kollegen im Streifenwagen haben Sie gelobt. Ich muß was von Ihnen lesen, unbedingt.“
„Lesen Sie Gedichte?“
„Wenn es gute sind, warum nicht!“
„Ich schicke Ihnen einen Band zu.“
„Wir brauchen noch Ihre Aussage. Ist doch für Sie kein Problem. Machen Sie einen kleinen Bericht und kommen Sie (er zog aus dem Jackett eine Visitenkarte) bei uns vorbei. Es kann auch woanders sein, wenn Sie Polizeireviere nicht mögen.“
„Kennen Sie die City-Bar?“
„Ich denke schon.“
„Paßt es Ihnen morgen um 15.00 Uhr?“
Er überlegte kurz. „Okay! Wir sind pünktlich da.“
„Die Bar gehört meinem Freund. Sie und Ihr Kollege sind herzlich eingeladen. Ich bringe Ihnen auch ein Buch mit.“
„Auf welchen Umwegen man einen jungen Schriftsteller kennenlernt...“ sagte der Kriminalist und legte eine Hand beruhigend auf Michaels Schulter. „Sie sehen mitgenommen aus. Das war wohl zuviel für Sie.“
„Es geschah sehr früh, vor dem Frühstück. Eigentlich könnte ich jetzt gehen, oder?“ Der Kriminalist nickte ihm lächelnd zu.
Die beiden Männer gaben sich die Hand. „Also dann, bis morgen in der City-Bar“, sagte Michael und wandte sich zum Gehen.
„Ja, bis morgen“, sagte der Kriminalist. „Ein Treffen ohne Mord und Totschlag ist doch mal was anderes.“
Die junge Frau erhob sich, als Michael an ihr vorbeigehen wollte. Er blieb stehen und sah sie aufmerksam an. Sie scheint die Vergewaltigung überwunden zu haben, dachte er. Ihr langes, brünettes Haar hatte sich gelöst und umrahmte ein zartes Gesicht mit zwei großen, dunklen Augen.
„Danke“, sagte sie und küßte Michael auf die Wange. „Sehe ich Sie mal wieder? Sie sind mein Lebensretter.“ Er lächelte über das Wort.
„Ich brauche nur aus dem Fenster zu sehen, dann...“
„Nein“, unterbrach sie ihn, „ich meine, vielleicht bei einem Kaffee.“ Sie sprach leise weiter, ihre Stimme nahm einen zärtlichen Klang an. „Sie haben mir das Leben gerettet. Auf jeden Fall von einer...“ Wieder übermannte sie die Erinnerung an die erlittene Demütigung. Die beiden Kriminalisten standen am Fenster und beobachteten die beiden. Michael versuchte zu lächeln. „Wann immer Sie wollen. Ich gebe Ihnen ein Zeichen.“
„Hängen Sie eine Flagge aus dem Fenster“, sagte sie lächelnd, „dann weiß ich, daß Sie kommen wollen.“
„Eine weiße?“ Seine Frage löste ein heftiges Kopfnicken bei ihr aus.
„Sie sind sehr tapfer“, sagte er.
Er streckte ihr die Hand entgegen. Ihre schmale Hand fühlt sich wie ein zartes Versprechen an, dachte er.
Er nickte den beiden Kriminalisten zu und verließ die Wohnung. Draußen atmete er erleichtert auf. Er wußte, daß an diesem Tag alle Inspiration mitsamt der Phantasie in den Keller der Trauer gefallen war. Und wenn er an die Erinnerung dachte, sah er schwarz für die nächsten Tage, sie würde das Erlebte auf ihre unangenehmsten Seiten hin untersuchen, drehen und wenden, den Rest besorgten die Emotionen. Und diese würden ihm am meisten zu schaffen machen. Sie waren einfach nicht zu kontrollieren.
Lebensretter. Das Wort spukte in seinem Kopf herum. Er sehnte sich nach einem kräftigen Frühstück. In der B-Ebene der U-Bahn gab es einen Laden, der große, knackige Brötchen verkaufte, satt gefüllt mit Eiern, Schinken oder Käse. Und dazu würde er ein paar Becher Milchkaffee trinken. Erst danach war der Morgen überstanden.
Was davor geschehen war, betrachtete er als einen peinlichen Unfall, zugestoßen einem zarten weiblichen Wesen, das er insgeheim begehrt hatte, und dessen brutale Demütigung ihm nun zu schaffen machte.


3

Marc Anton war ein schweigsamer italienischer Bote. Er lebt schon zulange in diesem Land, dachte Alexander Vogelsang, sonst hätte er längst den Mund aufgetan und mit ihm..., natürlich über seinen italienischen Maßanzug, die italienischen Schuhe, die feine Unterwäsche, das elegante Oberhemd, die Manschettenknöpfe, besonders aber über die Krawatte mit der goldenen Nadel, die ein undefinierbares graphisches Zeichen besaß, gesprochen. Hätte er das? Nein, die Bedeutung der goldenen Nadel wäre Marc Antons Geheimnis geblieben. Das kam seiner romantisch-romanischen Art entgegen. Er wußte es zu schätzen, wem er diente, und was seine Aufgabe war. Auf keinen Fall gehörte dazu die vorlaute Leidenschaft mancher Zeitgenossen, über Dinge zu reden, von denen sie nichts verstehen, und die nicht ihre Sache sind. Eine solche Einstellung schätzte Vogelsang an seinem Begleiter.
Sie erreichten den Wagen ihres Auftraggebers am Ende der Fußgängerzone. Der Italiener ließ Vogelsang auf dem Beifahrersitz Platz nehmen. Sie sahen noch einmal in das Gewimmel der Menschen, die die Stadt mit ihrer Kauflust heimsuchten. Ganz sicher waren beide keine Freunde von Massenaufmärschen. Sie wechselten einen zufriedenen Blick, lächelten sich gönnerhaft an – und schwiegen.
Die Fahrt war von kurzer Dauer. Vogelsang genoß es, über eine endlos weite Kühlerhaube zu sehen, an deren Ende eine weibliche Figur mit wehendem Umhang das Versprechen des Herstellers, sich auf Engelsfüßen zu bewegen, zu erfüllen suchte. Ihr Ziel war erreicht.
Vogelsang ordnete so gut es ging sein zerknautschtes Jackett, er steckte das Hemd tiefer in die Hose, und atmete noch einmal kräftig durch, bevor er Marc Anton ins Restaurant folgte.
Er kannte den italienischen Gourmettempel, das Ambiente gefiel ihm, er bewunderte den hellen mediterranen Stil. Doch jedesmal, wenn er dieses Restaurant betrat, überfiel ihn ein beunruhigendes Lampenfieber. Immerhin näherte er sich mit jedem Schritt Seiner Eminenz, dem Patron.
Dieser saß über eine Mappe gebeugt, ein Schriftstück beschäftigte ihn, so daß er sein Umfeld vergaß. Marc Anton verhielt sich abwartend. Vogelsang stand neben ihm und blickte auf eine Wand, an der alte Meister hingen, venezianische Künstler aus fernen Epochen.
Der Patron trug Schwarz. Was er unter seinem Umhang verbarg, würde Vogelsang nie erfahren. Der etwas zu breit ausgefallene dunkle Hut verdeckte sein Gesicht, das langsam aufsah und die beiden Männer sekundenlang musterte. Er nickte zu Marc Anton, der dankbar lächelte, sich umdrehte und das Restaurant verließ.
„Alexander...“ Der Patron zeigte großmütig auf einen Stuhl. „Wie schön, daß wir uns wiedersehen.“ Der Angesprochene setzte sich dankend und schwieg.
Vogelsang erinnerte sich: Niemals vorlaut werden, gedämpft sprechen, keine Fragen stellen. Im übrigen war es ein Privileg, vom Patron mit dem Vornamen angesprochen zu werden.
„Ich weiß, wie sehr Sie diese Stadt lieben. Ich kann das nachempfinden. Sie kennen meine Liebe zu Venedig.“ Vogelsang nickte verständnisvoll. Ein Ober brachte geräuschlos ein Getränk, das für Vogelsang bestimmt war. „Was macht Ihre Bar? Hat Ihr Barkeeper einen neuen Cocktail kreiert?“ Vogelsang nickte. „Verraten Sie mir den Namen?“
„Er heißt City-Bar, wie unser Lokal.“
„Sie müssen Antonio die Ingredienzien verraten. Er ist ganz scharf auf neue Cocktails.“
„Ich werde daran denken.“
„Danke.“ Der Patron blickte sich im Raum um. Sein Platz lag in einer Nische, die geschützt war vor den Blicken der Gäste. „Es ist noch warm für diese Jahreszeit. Trinken Sie! Es ist ja Ihr Lieblingsgetränk. Man vergißt sowas nicht.“
Vogelsang setzte den fruchtigen Cocktail bedächtig an die Lippen. Nach dem ersten großen Schluck blickte er zur Bar, wo Antonio gespannt auf eine Reaktion von ihm wartete. Vogelsang hob anerkennend das Glas und zeigte ein glückliches Gesicht. Antonio war happy, beschwingt machte er sich wieder an der Bar zu schaffen.
„Es gibt nicht so viele Leute, denen ich vertraue“, kam es vom Patron. Vogelsang senkte wie zum Dank den Kopf. Jetzt wußte er, was ihn erwartete. Er frohlockte innerlich. Mit dem Patron ein Geschäft zu machen, war eine todsichere Sache, in mancherlei Hinsicht. Vogelsang erschrak bei diesem Gedanken. Der Patron beugte sich vor und sah seinen Gast über die Brille an. „Sie glauben mir doch.“
„Ich habe nie daran gezweifelt. Es ist mir...“
„Ach, lassen Sie das! Ich weiß, wie gern Sie mit mir arbeiten. Und ich weiß Ihre kluge kaufmännische Art zu schätzen.“ Nach einigen Sekunden fügte er hinzu: „Und darum traue ich Ihnen, weil Sie ein Profi sind.“
Vogelsang trank beglückt einen zweiten Schluck. Der Patron wartete, bis er das Glas abgesetzt hatte. „Was wissen Sie über Venedig?“
„Ich war noch nie in Venedig.“
„Warum nicht?“
„Es tut mir leid, daß ich Sie enttäuschen muß. Irgendwann werde ich es nachholen.“
Er lächelte. „Das war nur rein rhetorisch gemeint. Wohin kämen wir, ich meine, was geschähe mit dieser schönen Stadt, wenn jeder sie besuchen wollte! Nein, es ist schon gut so. Hier sind Sie besser aufgehoben. Die Mentalität der Venezianer würde Ihrem Charakter nicht gut bekommen.“ Und mit ernster Miene fügte er hinzu: „Dann hätte ich niemand mehr, auf dessen Informationen ich mich verlassen könnte.“
Vogelsang war begeistert. Er hat gelächelt, durchfuhr es ihn. Was ist mit dem Alten los? Er ist doch kein anderer Mensch geworden? Alles ist so wie früher. Der Kopf mit der starken Nase und den vollen Lippen erinnerte ihn an eine alte griechische Büste, die sich in einem Museum seiner Stadt befand.
„Was mir fehlt, ist ein zeitgenössischer Lobgesang auf diese Stadt. Und ich will hören, was ein junger Mensch, es genügt, wenn er halb so alt ist wie ich, über diese Stadt denkt, wenn er von ihrem Zauber eingefangen worden ist. Das ist es, was ich Ihnen sagen wollte.“
Vogelsang konnte den listigen Blick der Augen hinter den dunklen Brillengläsern nicht entdecken. Schon nach den ersten Worten seines Gönners wußte er, wer für diese Aufgabe der richtige Mann war. Einen besseren kannte er nicht.
„Sagen Sie mir, wie Sie darüber denken.“ Der Patron lehnte sich in seinen Sessel zurück. Sein Blick wanderte zur Bar, wo sich der Ober aufhielt, der Vogelsang bedient hatte. Noch bevor dieser zu einer Antwort fand, erschien der Ober mit einer Tasse Kaffee, die er vor dem Patron abstellte.
„Ich darf annehmen, der Vermittler zu sein“, sagte Vogelsang leise.
Der Patron lächelte. „Dafür bezahle ich Sie. Dieser Auftrag ist mir (er griff in die vor ihm liegende Mappe und zog daraus einen Scheck, den er Vogelsang vorlegte) einiges wert.“
Vogelsang ließ den Scheck unbeachtet. Seine Augen streiften ihn nicht einmal. Die Aufregung wuchs. Was für ein Spiel!, dachte er. Worum geht es hier eigentlich? Und... natürlich würde er liebend gern mehr über den Scheck erfahren. Schließlich pflegte der Patron an Leute seines Vertrauens nur Barschecks abzugeben.
„Nun nehmen Sie ihn schon auf! Ich kenne doch Ihre Ungeduld. Also, worauf warten Sie!“ Und einen Moment später, als Vogelsang sich immer noch vornehm zurückhielt, setzte er streng hinzu: „Dies ist ein Befehl!“, was scherzhaft gemeint war, doch seine Wirkung nicht verfehlte.
Vogelsang gehorchte nur zu gern. Er nahm das Papier auf und führte es einen Moment in die Nähe seiner Augen, als wollte er sich damit frische Luft zuwedeln. Steuerfrei, dachte er, mein Gott, das ist steuerfrei!
„Sind Sie zufrieden?“ Der Patron sah ihn gönnerhaft über den Rand der Brille an. Vogelsang beugte sich vor. „Danke, Patron, danke! Sagen Sie, was ich für Sie tun soll.“
„Haben Sie schon eine Idee, wen Sie für diese Aufgabe interessieren können?“ Vogelsang wollte etwas sagen, der Patron sprach weiter. „Er muß ein guter Bekannter von Ihnen sein, halb so alt wie ich, ein mutiger Kopf, lebenserfahren – und er sollte über eine witzige Feder verfügen. Ein Mann mit Zukunft, unerschrocken, den weiblichen Reizen nicht abgeneigt, ein Träumer..., ein phantastischer Träumer mit der Gabe, seine Träume der Realität anzupassen, ein gnadenloser Aphoristiker und zärtlicher Poet. Mit einem Wort: Ein armes Schwein, wie es in unserer Umgangssprache so unanständig heißt. Na, wie sieht’s aus! Sie werden doch nicht kneifen wollen.“ Wieder erschien der listige Blick in seinen Augen.
„Sie erinnern sich, daß ich Ihnen von einem jüngeren Mann erzählte, der genau dem gewünschten Alter entspricht. Er liebt Venedig. So sehr, daß er einen Band mit venezianischen Elegien, die ein Mann geschrieben hat, der sogar den Nobelpreis für Literatur bekommen hat, zerriß, er zerriß diesen Band so mir-nichtss-dir-nichts...“
„Was Sie nicht sagen!“ warf der Patron überrascht ein.
„Ja“, sagte Vogelsang, „und er wußte auch warum.“
„Das nehme ich doch an.“
„Dieser Literatur-Nobelpreisträger hat die Stadt nicht verstanden. Er ist weit davon entfernt, ihr Geheimnis zu verstehen. Das waren seine Worte.“
Der Patron schlug seine Mappe auf, er legte ein Schriftstück zur Seite und nahm ein Bild in die Hand, das er Vogelsang zeigte. „Wir sprechen doch hoffentlich von dem gleichen Mann, oder?“
Vogelsang wußte nicht, ob er den Patron umarmen oder vor Glück einfach nur lachen sollte. Seine Stimme überschlug sich. „Sie haben ein Dossier über ihn.... Sie sind bestens informiert.“
Der Patron wiegelte ab. „Nennen wir es nicht ein Dossier, es ist ein Ausdruck seiner Homepage. Er versteht es, sich gut ins Bild zu setzen. Ich will, daß Sie ihn für mich gewinnen. Das ist aber nicht alles. Sie werden, ein Jahr lang, mein Verbindungsmann zu ihm sein und mir über seine Fortschritte berichten. Von welcher Art diese Fortschritte sein sollen, das werde ich ihm an diesem Platz heute abend um zwanzig Uhr sagen. Ich werde ihn prüfen, sagen Sie ihm das.“ Er hob das erste Mal seine Hand und sagte mit ausgestrecktem Zeigefinger: „Ist er nicht ein armes Schwein, wie Sie zu sagen pflegen?“
„Das ist er.“ Vogelsang schwebte über den Wolken. „Ein armer Schlucker. Es ist ihm noch nie gut gegangen.“
„Das tut mir leid“, sagte der Patron. „Wenn er seine Aufgaben erfüllt, werden Sie ein neues Verhältnis zu ihm aufbauen müssen.“
„Ein neues Verhältnis...“ Vogelsang merkte zu spät, daß er gegen die Regeln verstoßen hatte. „Verzeihen Sie, Patron, ich bin so überrascht. Es kann nicht in meinem Interesse liegen, mehr zu erfahren, als ich wissen soll.“
„Alexander, das ist der Grund, warum ich so gern mit Ihnen plaudere. Sie zeigen ehrlichen Respekt.“ Wieder blitzten die Augen des Patrons hinter den dunklen Gläsern listig auf. „Ich schlage vor, Sie kümmern sich um ihn. Machen Sie ihm keine unnötigen Versprechungen. Sie sind ein vertrauensvoller Mann. Enttäuschen Sie mich nicht.“ Seine rechte Hand bewegte sich langsam über den Tisch, Vogelsang verstand, er schlug ein.
„Patron, das ist eine große Aufgabe für Michael Sandfeld. Er ist ein Künstler, manchmal naiv wie ein Kind, unkompliziert – und hin und wieder ein wenig entrückt von den Dingen des Alltags...“
„Wollen Sie meine Hand zerdrücken?!“
„Entschuldigen Sie!“ Sofort löste Vogelsang den Griff und stellte sich kerzengerade auf.
„Es ist nett, daß Sie Ihren Freund für naiv halten. Aber Sie wissen doch, was Schiller dazu gesagt hat?“
„Nein!“ Vogelsang biß sich auf die Lippen. Der Patron sah auf die geöffnete Mappe und las in einem Gedicht. Nach einer Weile hob er den Kopf und blickte den wartenden Vogelsang unendlich nachsichtig an. „Fragen Sie Sandfeld. Er kann es Ihnen sagen. Poeten sind eitel, sie lesen gern etwas über ihre Originalität.“ Er senkte wieder den Kopf. „Warum auch nicht. Sie sind ja durch nichts zu ersetzen.“
Der Ober erschien und räumte ab. Er sah Vogelsang direkt ins Gesicht. „Ist alles okay?“
„Ja“, sagte Vogelsang, „ich... danke für das Getränk.“ Er zog eine Münze aus dem Jackett und drückte sie dem Ober in die Hand.
Draußen genoß Vogelsang die frische Stadtluft. Er erinnerte sich an den Scheck. Wo hatte er ihn hingesteckt? Unruhig durchwühlte er die Taschen. Der Ober erschien im Eingang und winkte mit einer Serviette. „Sie haben etwas zurückgelassen!“ rief er ihm zu. Vogelsang sprang die Stufen zum Eingang hoch und streckte dem Mann die Hand entgegen. „Der Patron wünscht, daß Sie ihn anrufen, sobald Sie mit Ihrem Bekannten gesprochen haben.“
Vogelsang nahm die Serviette mit dem Scheck entgegen und steckte sie ins Jackett. „Ich denke daran. Ganz bestimmt. Sofort, wenn ich mit ihm gesprochen habe.“
„Tun Sie das!“ Der Ober drehte sich um und sagte etwas auf Italienisch, das Vogelsang nicht verstehen konnte, er war schon wieder nach unten gelaufen. Eines der Wörter des italienischen Satzes besaß einen unangenehmen Klang: Bastard.

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Aus: Malobaar (Lob der Phantasie) - Reihe Cimarron libris

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