Aus: Die Schöpfung war ein Irrtum
Cimarron bibliophil
Unruhe auf dem Forum
Mitbürger, Freunde, Römer, hört mich an! Der Ausschuß für Finanzen hat eine große Zahl von Senatoren vorgeladen, das sind die ersten Männer unseres Staates, vermögend, kriegserfahren und von altem Adel.
Doch sage ich, der Adel stinkt! Was ist geschehen?
Ein Hirte im Barbarenland hat aufgeschrieben und für einen Beutel mit Sesterzen dem Ausschuß dieses Protokoll zu treuen Händen zugespielt. Jetzt wissen wir, warum die reichen Römer immer reicher werden. Sie haben ihre Herden von den Latifundien in Barbarenländer treiben lassen, verkauften selbst die Milch von ihren Ziegen, so daß zuhause ihre Truhen immer voller wurden von dem Geld.
Doch Steuern, liebe Römer, wollten sie nicht zahlen! Ich frage euch, ist das gerecht?

Die Ziegen, Schweine, Rinder sind auf unserer Erde großgeworden, hier fraßen sie das Gras und auch die Kräuter. Die Tiere waren Teile unseres Landes! Wer sie verkauft, zahlt Steuern an den Staat! Und diese Steuern sind auch gut für uns. Die ersten Männer unseres Staates, kriegserfahren und von altem Adel, stört das nicht.
Mitbürger, Freunde, Römer, ich weiß schon jetzt, was jene Herren sagen werden. Sie reden sich heraus! Es ist die alte Leier, wonach der Staat zu viel von dem Erlös kassieren würde, und das gefällt dem Adel nicht. Für sie ist die Gewinnvermehrung nur ein Spiel.

Textauszug

I

Schrecklich, diese Deutschen!
Haben hoch und heilig versprochen, keinen Krieg
mehr anzuzetteln. Man könnte sie für Unschuldslämmer
halten. Lieben das Gemeinschaftsleben,
die traditionelle Gemütlichkeit – und
ihre Automobile. Sind Weltmeister im Reisen.
Vertrauen den Minderheiten in ihrem Land und
freuen sich über die vielen Touristen. Halten der
Demokratie die Stange, und verabscheuen jede
nationalistische Gesinnung.
Mit einem Wort, die alten Deutschen, uneinsichtig
und schreckliche Sturköpfe, sind ausgestorben. –
Die neuen Deutschen leben mit einer alten Schuld
ihrer Väter, der sie sich in selbstkritischer
Weise stellen. Sie sind still geworden, vielleicht,
weil es in der Vergangenheit so viele
unberechenbare Schreihälse gab,
deren Argumente sich aus Haß, Dummheit und
Grausamkeit nährten. –
II

Zusammengefaßt läßt sich sagen, daß die Deutschen
sich unwesentlich unterscheiden von ihren Nachbarn,
und daß alte Feindschaften mit anderen Völkern
auf den Schrotthaufen der Geschichte gehören.
Und daß nichts beglückender ist, als in einer
großen globalen Familie zu leben, in der sich
alle versammeln, die guten Willens sind; und die
manchmal einen Blick in jene Zeit zurückwerfen sollten,
in denen die Deutschen die Bösen waren – jedenfalls
ein nicht unerheblicher Teil von ihnen. – Und nun
ist alles anders. Ist es das?
Freundliche Nachbarn der Deutschen wundern
sich darüber, daß diese immer wieder nach einem
Ausweg suchen, um ihrer Verantwortung in der Welt
zu entkommen. Mag sein, daß sie wenig
Neigung haben, mit Waffen zu spielen, wie man
es ihren Vätern anbefohlen hatte. Das ist ein guter
Charakterzug, den die Jungen schon besitzen, sagt man.
Und damit gehen die nicht mehr so schrecklichen
Deutschen beruhigt in die Zukunft.
Und Pickelhauben sind schon seit einhundert Jahren
nicht mehr in Mode.
Aus: Späte Visionen (Aphorismen und satirische Prosa)
Reihe: Cimarron bibliophil
Zeit: 2021
Autor: Gregori Latsch
Gregori Latsch.
Und wie er sich Ehrungen prekärer Art
in der ihm eigenwilligen Weise vorstellt.

Ausgezeichnet...

vom Bundesverband für sinnvolles Schreiben für seine Abweichung von der Norm.

Ausgezeichnet...

vom früheren Romantik-Kreis des Schlosses Neuschwanstein für sein bahnbrechendes Essay: Eines schönen Tages heiteren Erwachens.

Ausgezeichnet...

mit noblen Worten des internationalen Verbandes für satirisches Schweigen.

Ausgezeichnet...

mit der Ehrenbürgerschaft der dörflichen Gemeinde Oberseelenbach in Erinnerung an seine dramatische Rede anläßlich der Eingemeindung von Unterseelenbach in einen ländlichen Verbund.

Ausgezeichnet...

von der Mietergemeinschaft Bezahlbares Wohnen für seinen alleinigen Auftritt vor dem Geschäftshaus des Vermieters, trotz strömenden Regens.

Ausgezeichnet...

von den unerreichbaren Aphoristikern Georg Christoph Lichtenberg und Stanisław Jerzy Lec für seine Versuche, es ihnen recht zu machen, und damit sich das dritte L zu einem historischen Trio verbindet.

Ausgezeichnet...

von der satirisch-poetisch-grafischen Zeitschrift WIR für seine phantasievolle Aufstellung von scheinbar unzutreffenden Auszeichnungen in einer von konkreten Auszeichnungen barockenen Zeit, ohne daß seine Aufrufe den Anspruch auf eine willkürliche Umverteilung von literarischen Preisen an den Betroffenen erheben.
PARDON!
Unsere Fernsehwelt
(K)eine Satire
Irgendeiner hält immer eine Waffe in der Hand.
Unwichtig, worauf er zielt; und auch ob er
ein Guter oder ein Böser ist.
Die Waffe ordnet die Verhältnisse in jeder
Hinsicht, sie ist kein Streitpunkt, sie entscheidet
absolut willkürlich – nach der jeweiligen Interessenlage. –
In den TV-Programmen wimmelt es von solchen Szenen.
Die ganze Welt erscheint wie ein Polizeirevier.
Ist es so?
Lesers Wiederholungswunsch
 Zehn unlautere Gedanken
1 - Es ist lange nach Mitternacht; die Nachtschichtarbeiter lehnen eine Erhöhung ihres Grundlohnes um 99 Cent mit aller Entschiedenheit als Zumutung ab.

2 - Besitzer von Werken aus der kunsthistorisch noch nicht endgültig festgelegten Lila-Periode können sich freuen: Ein buntscheckiges Pferd aus dieser Zeit hat bei einer Auktion die Traum-Grenze von Zehn-Millionen Dollar überschritten.

3 - Und aus dem Feuilleton kommt die wenig beglückende Botschaft, daß ernsthafte Literatur (Romane, Gedichte) weiterhin in der Gunst der Lesenden zurückgefallen sei – stattdessen Kulturberichte und Comics von den Leuten heißhungrig verschlungen werden.

4 - Einem anscheinend unsichtbar auftretenden Bankräuber ist es gelungen, an den Wachen und Kameras vorbei, den Panzerschrank der Nationalbank zu knacken, einzig mit dem Wunsch, herauszufinden, wie groß die Einlagen des Staates sind.

5 - Die sich verschärfende Wohnungsnot hat dazu geführt, daß einzel lebende Hausbesitzer ihren überflüssigen Wohnraum in ihrer Eigentumswohnung oder Villa an kinderreiche Familien abtreten müssen.
6 - Der drastische Rückgang der Steuern zwingt unsere Regierung, den längst überfälligen Schritt einer Kappung der Pensionen ihrer ehemaligen Staatsdiener in einem dramatischen Umfang vorzunehmen.

7 - Ein Hoffnungsschimmer für die Masse der Arbeitslosen auf unserem Planeten: Bald wird es Arbeit für alle geben – die Polkappen schmelzen, und überall werden Dämme gebraucht.

8 - Die Bevölkerungsexplosion ist zu einem unerwarteten Stillstand gekommen: Tropenregen von gewaltigem Ausmaß nehmen den Leuten alle Lust an der Liebe.

9 - Der Himmel übermittelte uns ein Signal: Eine unbekannte Stimme hat mit aller Vehemenz gefordert, daß das Recht auf Gleichheit (wie das Schwimmen, Singen und Wohnen) zu einem Grundrecht erklärt werden soll.

10 - In einer überregionalen Bischofskonferenz ist festgelegt worden: Das Beten soll einen anderen Schluß erhalten: Anstelle des Amen heißt es in Zukunft: Herr, erhelle unsere Gedanken.
Ist Satire Mangelware? Irrtum!
Es gibt sie in Hülle und Fülle! Bei
jedem Spaziergang in der Stadt erleben
wir die vollkommene Anpassung der Menschen
an das Leben; einzig aus dem Wunsch heraus,
zu überleben. – Und daß wir uns regieren lassen,
ohne rechtzeitig Einspruch zu erheben,
wenn unsere Interessen Schaden erleiden, und
das wir das tun, was wir gelernt haben, so lange,
wie wir es selber ertragen können, ohne rechtzeitig
das Handtuch zu werfen, und daß die von
uns und den Emotionen viel beschworene Liebe
unter Berührungsängsten leidet, an denen wir
leiden, ist das etwa keine Satire? Oder ist
Mangelware etwas ganz anderes?!

Aus: Späte Visionen - Aphoristische Texte von Gregori Latsch.
Erscheint 2020 in der Reihe Cimarron bibliophil.

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